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Machtspiel ist Schauspiel

 

 

„Das Geheimnis jeder Macht besteht darin, zu wissen, dass andere noch feiger sind als wir“ (Ludwig Börne) – oder: Warum sich ein mutiger Blick hinter die Kulissen immer lohnt

Macht ist keine objektivierbare Größe, sondern lebt davon, dass man es schafft, als Mächtiger anerkannt zu werden. Das kann auch gelingen, wenn die eigenen Machtressourcen gering sind. Machtspiele sind keine Wettkämpfe mit klaren Regeln, sondern vielmehr Inszenierungen. Sportlichkeit ist dabei weniger stark gefordert als schauspielerisches Talent. Man ist darin erfolgreich, wenn andere glauben, man beherrsche für sie relevante Ungewissheitszonen. In jeder Organisation gibt es deshalb Strategien wie Fake, Bluff, Einschüchterung, Tarnung, kurzum Schauspiel. Es geht darum, sich als Experte, Gatekeeper, Sachwalter hervorzutun oder aber auf formale Zuständigkeiten zu pochen, die sich einer genauen Überprüfung entziehen. Letztlich kommt es auf den Eindruck an, den man bei Kontrahenten und Zuschauern hinterlässt. Wie auf der Bühne zählt ein starker Auftritt, und wie einem guten Schauspieler darf einem nichts peinlich sein. Vorhang auf – die sieben meistgespielten Szenen!

Mit dem Vorstand auf „Du“ – die Nähe zu Autoritäten betonen

Man suggeriert, einen guten Draht nach oben zu haben. Wer weiß, ob man nicht dort über die anderen Kollegen Details verrät oder aber ihr Fortkommen befördern kann. Meist wird dieser Schachzug sehr subtil gespielt und manchmal schon allein räumliche Nähe zur Autorität als Requisite genutzt.

Hier spricht der Checker – die Deutungshoheit ergreifen

Wer etwas beurteilt, scheint sich auszukennen. Zumindest hat er Behauptungen in die Welt gesetzt, mit denen sich andere auseinandersetzen und die sie erst widerlegen müssen. Nützlicher Nebeneffekt ist, dass sich durch Deutung auch Schuldzuweisungen und Rechtfertigungsaufforderungen transportieren lassen.

Alles nur im Interesse der Firma – mit dem Gemeinwohl argumentieren

Etwas ins Feld zu führen, dem keiner widersprechen kann, aber von dem keiner weiß, welche unterschiedlichen und hochkomplexen Einflüsse sich darauf auswirken, eröffnet immer eine Ungewissheitszone. Wer will schon gegen das Organisationsinteresse handeln?

Der Kunde will es aber so – mit Zeugen aufwarten, die kein anderer wirklich kennt

Sofern man den Rahmen des Plausiblen nicht verlässt, kann man als Relaisstelle praktisch alles kolportieren, was einem im Machtspiel dienlich ist. Je bedeutender und ferner der Zeuge, desto besser. Mit Einzelfällen lassen sich dann auch Marktforschungsstudien abschmettern oder zum eigenen Vorteil umdeuten.

Uns sind gesetzlich die Hände gebunden – äußere Zwänge beklagen

Leicht verstrickt man sich im Dickicht von Gesetzen, Regelungen und Vorschriften. So reicht es manchmal nur, damit zu drohen, damit keiner mehr nachfragt. Falls doch, bekommt man als Experte Gelegenheit, zu demonstrieren, dass es viele weitere Unsicherheiten gibt, vor denen man außerdem noch warnen kann.

Das ist nicht der „Spirit“, den wir hier pflegen – sich auf Werte, Mythen oder Gebräuche berufen

Überlieferungen werden oft nicht mehr angezweifelt, und manchmal darf ihnen auch gar nicht widersprochen werden. In ihrer Befolgung ist eine Organisation eingeübt, und meist sind sie auch diffus genug für einen breiten Interpretationsspielraum. Auf der Bühne lassen sich dadurch Vorschläge anderer mit großer Geste abschmettern oder die eigenen mit großem Pathos aufladen.

Wir haben dafür ganz klare Regelungen – Wer zitieren kann, ist klar im Vorteil

Formale Regeln bedürfen immer der Auslegung und einer Abschätzung, ob sie in einem Kontext anwendbar sind. Deshalb kann sie jeder eigentlich immer in Anspruch nehmen, besonders wenn er mit dem Brustton der Überzeugung daherkommt. Viel schwieriger ist es, die Beweislast umzukehren und – sind sie einmal aufgerufen – nachzuweisen, dass sie nicht gelten.

Ich weiß genau, was kommt – Die Zukunft ist die größte Ungewissheitszone

Weil niemand die Zukunft kennt, bietet sie dem geschickten Machtschauspieler gleich eine doppelte Bühne. Initiativen anderer nimmt man den Schwung, indem man Unsicherheit sät, denn wer kann sich schon 100 %ig sicher sein? Die eigenen befeuert man damit, dass eigentlich nichts schiefgehen kann, und flankiert sie mit einer oder mehreren der oben beschriebenen Inszenierungen.

Was kann man tun?

Da es in Machtschauspielen immer um Inszenierung von Ungewissheitszonen geht, lassen sich diese nur mit einem Blick hinter den Vorhang und hinter die Masken der Darsteller aushebeln. Will man Einblicke in die inszenierten Ungewissheitszonen gewinnen, bedarf es oft beharrlicher Nachfragen, detektivischer Nachforschungen und der Bereitschaft, sich „reinzuknien“. Wenn es gelingt, die Transparenz zu erhöhen, merkt man oft, wie man sich hat täuschen lassen, und vermeidet, dass man auch weiterhin übervorteilt wird. Auf jeden Fall entzieht man dem Machtschauspiel die Grundlage.

Das Repertoire an Machtschauspielen ändert sich auch, wenn Publikum und Ensemble ausgetauscht werden. Neue Mitspieler machen neue Inszenierungen nötig. Plötzlich kennt sich jemand in den Ungewissheitszonen, die einer deklamiert, wirklich aus, und die Dramaturgie funktioniert nicht mehr. Andere Mitspieler stellen andere Fragen und sind durch die althergebrachten Inszenierungen nicht mehr einzuschüchtern oder sind von ihnen einfach nur gelangweilt.

Manchmal schaffen es auch neue Regeln, die Aufführung von Machtschauspielen zu verhindern. Man erörtert, bevor etwas bewertet wird, man macht gemeinsame Kundenbesuche, man setzt Zwänge und Regularien für die Zeit der Diskussion außer Kraft etc. Regeln wirken wie ein Drehbuch und legen fest, was zur Aufführung kommt und was nicht.

Wenn es trotz aller Schauspielerei ein Grundvertrauen zwischen den Akteuren gibt, kann Tauschhandel helfen. Man legt fest, welche Handlungsmöglichkeiten man tauscht. Damit ist ein Spiel des „man gibt, damit gegeben wird“ in Gang gesetzt, und die Inszenierung dessen, der recht hat und der im besten Lichte dasteht, nicht mehr nötig. Aber auch hierbei ist es notwendig, die Maske des Machtschauspiels ein kleines Stück weit zu lüften.

Furcht und Bequemlichkeit leisten Machtschauspielen Vorschub. Will man ihnen begegnen, braucht es Mut und Fleiß. Mut, sich nicht einschüchtern zu lassen und das Risiko auf sich zu nehmen, dass hinter der Inszenierung wirklich Machtressourcen stehen. Fleiß, um zu erforschen und herauszufinden, was sich hinter den Kulissen wirklich abspielt.

 

AUTOR


Frank Ibold

ist Senior Consultant bei Metaplan und berät zu Strategie- und Organisationsprozessen.

 

Wir danken der Künstlerin Gitte Jabs, ihre Malerei Fenster im Fenster (2020) für diesen Beitrag verwenden zu dürfen.
Mehr zur Künstlerin hier:  www.gittejabs.de

Copyright Gitte Jabs, Abbildung: Jens Schierendorf/Studio Gleis 11

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