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Götterdämmerung. Krisenmanagement zwischen Glaskugeln und Heldentaten

 

Heldengeschichten haben immer Konjunktur. Das gilt umso mehr in Zeiten der Krise, in denen sich Unternehmen mit überraschenden Anforderungen, unvorhersehbaren Entwicklungen und ungeahnten Entscheidungsbedarfen konfrontiert sehen. Was vor einer Woche noch ausgeschlossen schien, ist plötzlich Alltag, und das Repertoire an Verhaltens- und Prozessregeln, dass sich für die Situation vor der Krise bewährt hatte, greift nicht mehr.
Was machen solche Krisen mit Organisationen? Warum scheinen dann immer Held*innen die Bühne zu betreten? Und wie verhindert man, dass man im kurzfristigen Chaos der Führungsimpulse verhaftet bleibt, statt wieder in den Modus der Gestaltung zu wechseln? Um sich diesen Fragen zu nähern, werfen wir einen Blick auf das Verhältnis von Strukturen und Führung.

Kein Anschluss unter diesen Regeln

Geraten Organisationen in eine Krise, büßen bestehende Strukturen an Funktionalität ein. Strategien in Vertrieb und Supply Chain sind in schwächelnden Märkten schnell über den Haufen geworfen. Der Umgang mit deutlich veränderten Kundenanforderungen kann in den üblichen Prozessen nicht mehr abgebildet werden. Kurzum: Die Organisationsstrukturen können Umwelteinflüsse nicht mehr adäquat verarbeiten. Die Stärke von Organisationen, sich von ihrer komplexen Umwelt unabhängig zu machen, schlägt in Schwäche um: Mit den gängigen Mitteln stochert man bloß noch im Nebel.

Dabei versuchen Organisationen durchaus, regelmäßig einen Blick in die Glaskugel zu werfen und sich auf Unvorhergesehenes vorzubereiten – nicht ohne Grund drehen sich Diskussionen in Strategiemeetings um Szenarien und Zukunftsvisionen. Doch all dieser Bemühungen zum Trotz gibt es Situationen, in denen alle strategischen Fingerübungen und detaillierten Reaktionsfahrpläne nicht greifen. Und das, obwohl sich alle so verhalten haben, wie es nach etablierter Struktur erwartet wurde.

Die Stunde der Feuerlöscher*innen

Immer da, wo Orientierung fehlt, braucht es Führung. Dann schlägt die Stunde jener, die Führungsimpulse parat haben. In Krisen häufen sich solche Situationen. Denn die Zeit für übliche Reflexionen und Abwägungen ist knapp, und der Handlungsdruck steigt. Krisenstab statt Strategieprozess, Feuerlöscher statt Brandschutzkonzept ist dann die Devise.

Führungskräfte oder Führungswillige nutzen solche Phasen der Unsicherheit, um sich als Wegweisende zu inszenieren, die schon wieder wissen, wo vorne ist, wenn alle anderen noch die Kompassnadel im Heuhaufen suchen. Und sie lösen damit für ihre Organisationen das Problem der Schockstarre: Schaffen sie es, Gefolgschaft zu gewinnen, wird Handlungsfähigkeit wiederhergestellt. Wohl dem, der ausreichend Reserve-Held*innen in seiner Organisation vorrätig hält! Dabei ist das Vorpreschen einiger immer auch Resultat der Erwartungshaltung von Kollegen. Führung lässt sich nicht anordnen – erst durch Gefolgschaft kann sie gelingen. Nicht selten wandert der hoffnungsvolle Blick der Belegschaft in kritischen Momenten zu jenen, von denen Heldentaten erwarten werden – was nicht immer diejenigen sind, die qua Organigramm sowieso täglich mit wehendem Umhang durch die Büroflure flattern, sondern oft auch die informalen Schwergewichte. Doch wie gelingt es, in dieser Gemengelage in den Blick zu bekommen, wie man die Organisation gut auf die neuen Bedingungen ausrichten kann, um wieder in den Modus der Gestaltung zu wechseln?

Wege aus der Führung

Die Aufgabe besteht nicht zuletzt darin, Führungsbedarfe durch die richtigen Strukturen gering zu halten. Denn Held*innen erweisen sich in Notlagen zwar als hilfreich – auf Dauer ist dieser Modus aber mehr Belastung als Freude. Insbesondere in Krisen stellt sich also die Frage: Wie müssen die bestehenden Strukturen justiert werden, damit sie heute wie morgen Orientierung stiften?

Hierfür lassen sich einige Faustregeln formulieren, die es als Organisationsgestalter im Krisenmanagementmodus zu beherzigen gilt:

  1. Fassaden aufbauen, um dahinter in Ruhe zu arbeiten. Allen Postulaten von Authentizität zum Trotz: Immer wieder brauchen Organisationen Schauseiten nach innen wie nach außen, um dahinter unbeobachtet einen Schritt nach vorne zu machen. In Krisenzeiten heißt das, sich zu fragen, wo Klarheit vermittelt werden muss, obwohl noch Unklarheit herrscht, weil man noch Zeit braucht, um Lösungen zu entwickeln.
  2. Denkräume schaffen. Wer schnell tragfähige Lösungen entwickeln möchte, bringt am besten jene an einen Tisch, die dazu beitragen können. Dazu gehören Entscheiderinnen genauso wie diejenigen, die die Feinheiten und Zwischentöne der Organisation verstehen. Town Hall Meetings und breit angelegte Partizipation können helfen, in Phasen umfassender Unsicherheit Kohäsion zu stiften – für die Arbeit an Strukturen ist aber zunächst das Vordenken weniger in geschützten Räumen vonnöten.
  3. Entscheiden. Was vorher im Klein-Klein der Verteidigung wohlbekannter Stellungen steckenblieb, kann angesichts akuter Handlungsnotwendigkeit endlich entschieden werden. Die lange fällige Portfoliobereinigung. Die Reorganisation zugunsten der zukunftsträchtigen Geschäftsmodelle. Und das Abschneiden vieler alter Zöpfe. Mit einer klugen Diskursstrategie können Krisen so zu Katalysatoren werden, in denen fällige, aber auch riskante Entscheidungen umsetzbar sind.

Und was kommt nach der Krise? Es braucht Zeit, die neue Ordnung wieder in gewohnte Routinen zu überführen. Die neuen Strukturen müssen eingelebt und der Arbeitsmodus wieder entschleunigt werden. Und vor allem: Held*innen, die sich in der Krise hervorgetan haben, müssen resozialisiert werden. Scheitert die Einreihung in die neue Ordnung, endet die Karriere schnell. Trotz aller Heldentaten: Auf Dauer reklamiert die Struktur ihr Primat. Das ist Organisation.

 

AUTOREN


Kai Matthiesen

ist geschäftsführender Partner bei Metaplan und Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen.

Finn-Rasmus Bull

ist Senior Consultant bei Metaplan. Daneben forscht er zu postbürokratischen Organisationseinheiten in bürokratischen Organisationen.

 

 

Wir danken der Fotografin Verena Brandt für die Erlaubnis, für diesen Beitrag eines ihrer Fotos verwenden zu dürfen!
Verena Brandt begleitete Real Life Superheroes in den USA – Menschen, die in bunte Kostüme schlüpfen und auf vielfältige Weise ihren Mitmenschen helfen.
Hier brechen NightBug, Doctor Mystery, Rock N Roll, Miss Fit und Hip Hop in San Diego auf, um gemeinsam Essen, Kleidung und Sanitärartikel an Obdachlose zu verteilen.
Copyright Verena Brandt.

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