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Die fünf Superkräfte einer Herrscher*in über Raum und Zeit – oder: Wie Führung über Distanz gelingen kann

„Wie kann es sein, dass in einem globalen Unternehmen Manager an der Führung ihrer weltweit verteilten Teams scheitern, obwohl es eine komplett digitale Infrastruktur gibt?“, entrüstete sich kürzlich eine Bankerin. 
Die Vorstellung jedoch, dass ein Team remote über digitale Medien genauso funktioniere und zu organisieren sei wie ein Präsenzteam, stimmt mit der Realität nicht überein. Stattdessen geht es darum, die Lücken, die der Wegfall von f2f-Interaktion reißt, organisational zu schließen.

Während man beim Führen in klassischen Arbeitszusammenhängen beobachten kann, wie die Beschäftigten auf Führungsimpulse reagieren und mit Strukturen umgehen, ist man beim Führen über Distanz abgeschnitten. Der Beobachtungsraum ist oft auf das Digitale verengt.

Arbeiten über Distanz ist zudem dem Diktum der Gleichzeitigkeit unterworfen: der Erwartung, wenn alle jederzeit Zugriff auf den gleichen digitalen Arbeitsstand haben, sei er auch allen präsent und die letzte gültige Version. Das ist oft ein Trugschluss. Ein Designer, der seine Konstruktionsentwürfe im CAD-System speichert, geht davon aus, dass die Konstrukteurin mit dieser letzten Version weiterarbeitet. Die hat aber ggf. parallel dazu neue Details mit dem Kunden abgesprochen und eingebaut.

Zudem ist auffällig, dass Probleme remote in einem höheren Eskalationsgrad aufpoppen. – vielleicht, weil das Tür-und-Angel-Gespräch, die Grumpyness am Kaffeeautomaten, der man nachgehen kann, mithin ein weites Repertoire an Informalität als Schmiermittel der Organisation wegfällt. Wer seine gefährdeten Timelines verschriftlichen, in Gruppencalls aufs Tapet bringen oder die Chefin aktiv anklingeln muss, wird das oft später tun, als gut wäre.

Die schlichte Lösung könnte also lauten: Ermöglicht mehr face-to-face! Und viele Unternehmen investieren kräftig in Kick-offs und Wanderausflüge – in der Hoffnung, damit die Kohäsions- und Informalitätsspeicher aufzufüllen. In Teilen gelingt das: Wer schonmal ums Grillfeuer gesessen hat, erhofft sich bei nächster Gelegenheit ein unkomplizierteres Entgegenkommen vom Kollegen in Kuala Lumpur. Die Übertragung und Haltbarmachung von analogen Routinen in digitale Sphären verlangt jedoch mehr.

Wenn man Herrscherin über Raum und Zeit sein soll und ein Team über Distanz führt, helfen mindestens diese fünf Superkräfte:

1. Gehen Sie den lokalen Rationalitäten Ihrer (externen) Mitarbeiter*innen, Kolleg*innen und Vorgesetzten auf den Grund. Analysieren Sie: Welchen Auffassungen folgen sie? Wie sind sie in ihre Standortorganisationen eingebunden? Welche Ziele sind ihnen in welchen Arbeitszusammenhängen gesetzt? Wo ist man voneinander abhängig? Welchen Zwängen unterliegen sie? Und weil Sie remote weniger beobachten und Schlüsse ableiten können: Sprechen Sie darüber – mit einem Sparringspartner oder mit den Akteuren in gut angelegten (digital) Gesprächen direkt. Nur wenn man die Gründe für das Handeln des „unsichtbaren“ Mitstreiters versteht, kann man gezielt Führungsimpulse setzen.

2. Weil man remote mit Unschärfen schwerer umgehen kann, sollte das Arbeiten über Distanz klarer geregelt werden. Welche Software wird für welche Aufgabe genutzt? Welche digitalen Kommunikationskanäle werden eingerichtet? Um was zu besprechen? Zu welche Zeiten kommuniziert man mit wem wozu? Wie regelmäßig stimmt man sich ab? Wer hat welche Zugriffsrechte auf Daten? Virtuelle Teamarbeit erfordert nicht nur deutlich mehr Kommunikation, sondern auch organisiertere, verstetigte Kommunikationswege. Sie halten Hürden für das Ansprechen von Problemen und Irritationen niedriger, als wenn dafür ad hoc Kontakt gesucht werden muss.

3. Balancieren Sie Vertrauen und Kontrolle klug aus. Überlegen Sie: welche Kontrollpunkte braucht es, um vertrauen zu können? Dosieren Sie Kontrolle so, dass sie nicht beschämt. Woran bemerken Sie indirekt, dass gut gearbeitet wird? Vermutlich eher an der Sprachfähigkeit und Vertrautheit des medizinischen Außendienstes mit Ärzten auf der Konferenz, als an minutiös dokumentieren Arbeits- und Kontaktzeiten. Beziehen Sie auch professionelle Werte als intrinsische Motivatoren in diese Rechnung ein.

4. Meistern Sie die Mikropolitik, um da voranzukommen, wo Sie nicht einfach anweisen können. Prüfen Sie, wo Sie Unsicherheitszonen für andere kontrollieren: tauschen Sie Handlungsmöglichkeiten, suchen Sie sich Verbündete in der Präsenzorganisation gerade auch, wenn Sie selbst im Orbit unterwegs sind. Machen Sie sich umgekehrt bewusst: Ihr Team und dessen Leistungen in der Organisation sichtbar zu machen, ist eine zentrale Erwartung an remote Führende. Das ist die Einlage auf Ihr Vertrauenskonto als Manager*in.

5. Wirken Sie den Fliehkräften der Distanz entgegen und stiften Sie Kohäsion. Gerade wenn die Mitarbeiter*innen in diverse Arbeitszusammenhänge eingebunden sind, fallen jene Aufgaben eher unter den Tisch, bei denen kein f2f-Austausch besteht. Finden Sie Ersatz: Kraftvoll ist es, wenn Sie Projekt- und Teamidentifikation über das Bewusstmachen gemeinsamer professioneller Interessen und Ziele erreichen können. Zusätzlich (nicht stattdessen!) helfen Rituale und bewusst geschaffener Raum für persönlichen Austausch: Ein Beratungsunternehmen nutzt Slack um lustige Geschichten, kleine Missgeschicke und die Stoßseufzer zur Deutschen Bahn mit den verstreuten Kollegen zu teilen. Ein Verlagsaußendienst trinkt zu Beginn der wöchentlichen Webko eine halbe Stunde Tee, Scherze über die Katzentasse und Smalltalk inklusive – in den man auch subkutan die Sorge um die Zeitverzögerung im Projekt einflechten konnte, ohne, dass es schon dramatisch ist.

Wer sich dem (unsichtbaren) Team und den Kolleg*innen verbunden fühlt, berücksichtigt das auch bei der Priorisierung der Arbeiten aus den verschiedenen Arbeitszusammenhängen. Dann ist man füreinander zu Heldentaten bereit!

 

AUTOREN


Carmen Lopera & Ines Vogel

sind Senior Consultants bei Metaplan und beschäftigen sich schon länger mit dem Thema des Führens über Distanz.

Im Austausch mit remote Führenden verschiedenster Branchen und Führungskonstellationen haben sie die Metaplan Werkstatt ‚Führen über Distanz‘ als Präsenzformat und Webinar-Reihe sowie ein Training für gutes Webconferencing entwickelt.

 

Wir danken der Fotografin Verena Brandt für die Erlaubnis, für diesen Beitrag eines ihrer Fotos verwenden zu dürfen!
Verena Brandt begleitete Real Life Superheroes in den USA  – Menschen, die in bunte Kostüme schlüpfen und auf vielfältige Weise ihren Mitmenschen helfen. Vortex posiert auf einem Mittelstreifen, um Spenden einzusammeln. Copyright Verena Brandt.

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