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Die Terra incognita kartographieren

Was tun, wenn für Organisationen der Weg unklar ist? Wenn auch Relaisstellen zur Umwelt wie Marktforschung, Vertrieb und Market Access nicht weiterwissen? Ganz einfach: Man befragt systematisch jene, die es wissen müssen.

Einfach mal machen – das sagt sich so einfach. Was aber, wenn die Folgen des Machens kaum abschätzbar sind? Wohin soll man aufbrechen, wenn man im Dunkeln tappt? Vor Fragen wie diesen steht jede Entscheiderin, die in komplexen Umfeldern die Richtung vorgeben muss. Und je strategischer diese Entscheidungen ausfallen, umso gravierender rächen sich später Fehleinschätzungen. „Nicht das, was wir nicht wissen, bringt uns zu Fall“, wusste schon Mark Twain, „sondern das, was wir fälschlicherweise zu wissen glauben.“

Eine solide gemeinsame Wissensplattform, von der man aufbrechen kann

Ein erprobtes Instrument, mit dem sich komplexe Entwicklungen antizipieren und Handlungsdirektiven ableiten lassen, heißt Delphi. Ihren Namen verdankt die Methode der berühmten Weissagungsstätte im antiken Griechenland. Ende der 40er Jahre entwickelte die US-amerikanische RAND-Corporation unter diesem Namen eine heute weithin anerkannte Methode, die bei so unterschiedlichen Fragestellungen wie der Preisentwicklung in der Landwirtschaft oder Konsensusverfahren zum Verfassen medizinischer Leitlinien zum Einsatz kommt. Auch die Bundesregierung nutzt Delphi-Befragungen heute zur interdisziplinären Technikfolgenabschätzung – aktuell zum Bespiel zur Überprüfung ihrer Elektromobilitätsstrategie.

Mit Delphi-Befragungen lassen sich die unvermeidlichen weißen Flecken auf der Karte des eigenen Wissens ziemlich zuverlässig kartographieren. Die Methodik ist recht einleuchtend: Zunächst wird ein Kreis anerkannter Expertinnen inner- wie außerhalb der Organisation definiert, deren Perspektiven für die jeweilige Fragestellung relevant sind. In Einzelinterviews werden diese Perspektiven erfragt, verdichtet und durch Recherchen ergänzt. Dann werden in weiteren Interviewrunden mit denselben Expertinnen Fragen nachgeschärft, Dissenslinien definiert und Unklarheiten ausgelotet. Schritt für Schritt ergibt sich so ein qualifiziertes Bild der vermeintlichen Terra incognita. Unterm Strich hat die Delphi-Methode so erhebliche Stärken:

– Die Perspektiven aus der ganzen Bandbreite relevanter Expertise werden berücksichtigt, wichtige Stakeholder ins Boot geholt.

– Durch Rückkopplungswellen werden Erkenntnisse gegengeprüft und Aussagen nachgeschärft.

– Die Befragung durch unbefangene Externe beugt Betriebsblindheit vor, die unvermeidlich ist, wenn „Betroffene“ andere befragen.

– Am Ende steht ein Konsens oder zumindest ein qualifizierter Dissens.

– Delphi-Studien sind ein anerkanntes Format. Im Gegensatz zu Einzelmeinungen oder Auftragsstudien sind ihre Aussagen damit weithin akzeptiert.

Genauso wie durch das Orakel von Delphi lassen sich natürlich auch mit der Delphi-Methode keine hundertprozentigen Handlungssicherheiten erzeugen. Aber sie bildet eine solide gemeinsame Wissensplattform, von der aus man aufbrechen kann.

 

PS. Ein Beispiel für Delphi mit Metaplan

Im Frühjahr 2017 gingen wir mit einer interdisziplinär besetzen Expertenriege aus Klinik und Niederlassung der Frage nach den aktuellen Standards der Supportivbehandlung bei Leberzellkarzinom in Deutschland auf den Grund. Ein Feld, zu dem es bislang keine umfassenden Leitlinien und Veröffentlichungen gab.

In drei Befragungs-Runden wurde das konkrete Behandlungsvorgehen gesammelt, aufeinander bezogen und dabei ein qualifizierter Konsens zu Definition und kleinteiligem Vorgehen bei der Behandlung der Krankheitssymptomatiken und Pflegeerfordernisse erarbeitet. Dieser Konsens wurde publiziert und auf Kongressen vorgestellt und kann nun Eingang in das Dossier des Arzneimittelherstellers finden.

 

Autorinnen


Isabell Hager

ist Senior Consultant bei Metaplan; sie fasziniert, wie simultanes Visualisieren in Delphi-Befragungen hilft, in die Tiefe zu gehen und die Beiträge der Expert*innen aufeinander zu beziehen.

Ines Vogel

ist Senior Consultant bei Metaplan; sie sorgt mit Delphi-Studien unter anderem in der Pharmabranche für Expertenkonsens (z. B. zu bisher nicht in Leitlinien gefassten Therapiebereichen).

 

Wir danken dem Künstler Bim Koehler für die Erlaubnis folgende Arbeit für diesen Blog verwenden zu dürfen: featuring-wax-II_2016_Pigmente-und-Wachs-auf-Holz_60-x-40-x-5-cm.jpg.

 

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