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„Morgen ist wieder alles anders“

Digitale Kompetenzen stärken – und die Organisation für neues Arbeiten umbauen: In Digitalisierungszeiten geht das eine nicht ohne das andere. Aber wie kann es gelingen?

Ein Gespräch zwischen Simone Ashoff (SA), Gründerin der Hamburger Good School, und Christoph Nahrholdt (CN), Leiter der Metaplan-Akademie.

 

CN: Digitalisierung ist momentan ein Buzzword, dem keiner entgeht. Simone, ist nach deiner Beobachtung den Unternehmen bewusst, was Digitalisierung für Einzelne wie auch für die Organisation bedeutet – und was nicht?

SA: Nein, aber das macht nichts, denn es weiß niemand wirklich genau. Digitalisierung ist ein unendlicher Prozess, von dem keiner zu sagen weiß, wo er uns eines Tages hinführt. Wichtig ist, sich seines Nichtwissens bewusst zu werden und Strategien zu finden, um dennoch navigations- und vorstellungsfähig zu sein, erfolgreich voranzugehen und diesen Prozess mitzugestalten. Denn die gute Nachricht lautet ja: Digitalisierung ist nichts, was von irgendjemandem gemacht wird, sondern ein Prozess, den wir alle hier, jetzt und heute mitgestalten.

CN: Aber natürlich ist Digitalisierung für viele erst einmal schwer zu fassen, weil sie sich unserer Vorstellungskraft entzieht.

SA: Richtig, denn sie entwickelt sich nicht linear, sondern exponentiell. Das macht sie zunächst einmal unbequem.

CN: Wenn wir in Unternehmen fragen, was sie unter Digitalisierung verstehen, wird häufig ein sehr buntes, vielfältiges Bild gezeichnet. Wenn wir dann aber nachfragen, was sie konkret unternehmen, lautet die zunächst unscheinbarere Antwort nicht selten: Wir digitalisieren die Personalakte. In den Unternehmen führt das häufig zum Gefühl, man sei defizitbehaftet und irgendwie nicht weit und schnell genug unterwegs.  Mehr oder vermeintlich aufregendere Digitalisierung ist ja aber kein Selbstzweck. Stattdessen wird und muss dort digitalisiert werden, wo es sinnvoll und möglich ist. Das ist häufig zunächst erst mal ein kleiner Schritt.

SA: Der größte blinde Fleck, was Digitalisierung betrifft, sind eigentlich die Menschen und Unternehmen selbst. Ganz konkret: Ein schwaches Produkt oder eine überalterte Kundenbasis bleiben auch ein schwaches Produkt und eine überalterte Kundenbasis, wenn man sie in digitale Prozesse eingebunden hat. Man muss also zunächst einmal sich und sein Geschäftsmodell reflektieren, bevor man darüber nachdenkt, was man mit den neuen Technologien anfängt.

CN: Guter Punkt. Noch vor wenigen Jahren herrschte ja die fromme Hoffnung vor, die Technik – wenn man sie denn implementiert habe – werde es schon richten. Diese Illusion ist mittlerweile zerstoben. Letztendlich ist die Integration datengestützter Prozesse ja auch „nur“ eine Aufgabe des soliden Organisierens, so wie Unternehmen immer wieder Veränderungen organisieren müssen. Und auch digitale Geschäftsmodelle sind Geschäftsmodelle, die zwar an bestimmten Stellen neue Vorzeichen haben, aber am Ende entwickelt werden müssen wie alle anderen.

SA: Das ist einer der Gründe, weshalb die Kooperation von Good School und Metaplan so hilfreich ist: Wir bringen unsere Teilnehmer digital auf den Weg. Aber zurück im Unternehmen ist da ja immer noch die Organisation, die sie mitnehmen müssen. Wie kriege ich meinen Chef ins Boot? Wie begeistere ich Abteilung XY für mein Projekt? Wie müssen sich unsere Prozesse verändern? Das sind Fragen, für deren Beantwortung Metaplan genau das nächste richtige Werkzeug ist.

CN: Wir helfen den Leuten, zu verstehen, weshalb sie mit ihrer Digitalisierungsstrategie fast zwangsläufig Kritik ernten werden. Wie sich Widerstände diskursiv lösen lassen. Welche organisationalen Logiken eingesetzt werden können, um digital voranzukommen.

SA: Die Aufgabe ähnelt dem Umgang mit den guten Vorsätzen, die man sich alljährlich zu Silvester setzt: Man muss herausfinden, woran es eigentlich liegt, dass Dinge nicht klappen, obwohl man sich doch Anderes vorgenommen hatte. Das ist, wenn man sich mit Digitalisierung beschäftigt hat, nichts Anderes. Wer von der Good School digital enthusiasmiert in sein Unternehmen zurückkehrt, kehrt ja auch in seine alten Erfolgsstrategien zurück, mit denen er jahrelang erfolgreich gewesen war. Unternehmen wie auch Einzelne müssen daher lernen, simultan in zwei Geschwindigkeiten unterwegs zu sein: Ihr Kopf wird sich künftig schon in den Arbeitsstrukturen und Geschäftsmodellen von morgen bewegen, aber ihre tatsächlichen Handlungen müssen noch eine ganze Weile in der Gegenwart funktionieren, um nicht unproduktiv zu sein. Gleichzeitig müssen sie lernen, sich und ihre Organisation immer weiter von der Gegenwart in die Zukunft zu bewegen. Das ist ein ganz neuer Modus.

CN: Klingt fast schizophren, aber so ist es. Wer Digitalisierung und damit einen stets weiterentwickelnden Prozess begreifen will, muss sich auch selbst immer weiterentwickeln. Das klingt anstrengend…

SA: … ist aber auch einfach geil. Und eine geniale Strategie, um mit der Unsicherheit und dem ständigen Wandel klarzukommen, sind Kooperationen. Denn im Netzwerk lassen sich einfach ganz andere Dinge denken und bewegen als als Einzelkämpfer. Hier bei uns lernen unsere Teilnehmer binnen kurzer Zeit viele neue Netzwerkpartner kennen, mit denen sie, wenn sie wollen, in Zukunft kooperieren können. Das eröffnet exponentiell viele neue Möglichkeiten.

CN: Andere Akademien versprechen ihren Absolventen vieles, unter anderem das „Handwerkszeug, um Digitalisierung zu beherrschen“. Ihr habt einen ganz anderen Ansatz…

SA: Wir lehren ebenfalls Wissen und Fähigkeiten, die es im Digitalen braucht. Aber wir alle wissen, dass vieles von dem, was wir heute an Kenntnissen vermitteln, morgen bereits überholt sein wird. Im Grunde vermitteln wir deshalb etwas viel Wertvolleres, nämlich die Begeisterung für digitale Welten und Möglichkeiten. Wer die Good School verlässt, reißt daheim im Unternehmen meist Fenster und Türen auf und nimmt draußen plötzlich Optionen wahr, die er vorher nicht wahrgenommen hat oder in seiner gewohnten Welt nicht wahrnehmen wollte. Wir bringen die Leute auf den Weg. Wir versorgen sie mit Offenheit, Enthusiasmus und damit dem wichtigsten Treibstoff, den sie brauchen, um auf gutem Wege unterwegs zu sein.

CN: Uns wiederum ist es wichtig, Leuten das Rüstzeug mitzugeben, um in ihrer Organisation den Wandel voranzubringen. Und dazu gehört das Wissen, dass in Organisationen nahezu jede Innovation zunächst einmal Ängste, Widerstände und Gegenbewegungen hervorruft. Es liegt also weder an einem selbst noch am Thema, wenn es mit der Digitalisierung zunächst nicht so recht voranzugehen scheint. Wer das verstanden hat, lässt sich von den unweigerlichen Rückschlägen nicht so schnell frustrieren. Deckt sich das mit den Feedbacks, die ihr erhaltet?

SA: Natürlich, wir treffen viele unserer ehemaligen Schüler ja wieder und fragen, was aus ihnen geworden ist. Die Standardantwort lautet: „Es ist alles anders.“ Da gibt es Personalführungskräfte, die ihr komplettes Jobprofil in Richtung digitale Transformation umgekrempelt haben. Da gibt es Andere, die bereits gut unterwegs waren, aber von uns eine ganz neue Dynamik mitgenommen haben. Und Dritte haben für ihre Abteilung Lernwerkzeuge entwickelt, mit denen sie ihren Job völlig anders machen können.

Wir haben aber auch schon einen CEO gehabt, der nach neun Lerntagen Good School erklärte: “Ich fand’s extrem erhellend bei Euch. Und meine wichtigste Erkenntnis lautete, dass ich als 55-jähriger den nötigen Wandel in meinem Unternehmen nicht mehr selbst schaffen werde.“ In der Konsequenz hat sich der Mann einen jüngeren CEO gesucht und sich selbst auf die Rolle des Chief Creative Officers zurückgezogen. Ich finde das sehr bewundernswert. Denn damit hat dieser Manager einen wesentlichen Hebel umgelegt, um Transformation auf den Weg zu bringen und eine andere Dynamik herzustellen.

CN: Es braucht eben beides: Das Verstehen der Digitalisierung – und den organisationalen Hebel, um Veränderung voranzubringen.

SA: Das Dritte, was es braucht, ist Mut. Denn wir bringen die Leute ja auf Ballhöhe. Ihre Herausforderung danach lautet, auf Ballhöhe zu bleiben. Viele tun das, indem sie sich ein völlig neues Netzwerk knüpfen, das sie fortlaufend mit Wissen und Inspirationen versorgt.

CN: Ihr weckt die Begeisterung fürs Digitale. Was hat bei Dir persönlich eigentlich diese Begeisterung ausgelöst?

SA: Ui, das war Anfang der Neunziger Jahre in Amsterdam. Damals konnte man sich per Modem und über eine kostenlose Nummer ins damals noch rein textbasierte Telnet einwählen. Da öffnete sich dann plötzlich ein Fenster, hinter dem Leute, die sich nicht kannten, miteinander kommunizierten, miteinander spielten und Dinge gemeinsam entwickelten. Für mich war es wie ein lebendes Buch, in das ich hineinschlüpfen konnte. Als ich diese Intensität spürte, wusste ich: Da wartet eine ganz neue Welt auf uns. Eine, deren Faszination nie endet. Und genauso war es.

 

Die Good School und Metaplan entwickeln auch gemeinsam Programme, in denen Teilnehmenden Wissen und Rüstzeug vermittelt wird, um der Digitalisierung zu begegnen und sie aktiv zu gestalten.

 

 

Autoren


Simone Asshoff

ist Gründerin der Good School in Hamburg.

Christoph Nahrholdt

ist Leiter der Metaplan Akademie.

 

Wir danken Max Sudhues für die Erlaubnis, diesen Text mit einer seiner Arbeiten zu bereichern.

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