Digitalisierung. Jetzt. Wirklich?

Der Ruf nach Digitalisierung nimmt zunehmend ideologisierende Züge an.
Höchste Zeit, mal genauer hinzuschauen.

Es stimmt ja: Wenige Entwicklungen werden die gesellschaftliche Organisation von Arbeit ähnlich stark verändern wie der digitale Wandel. In loser Kopplung mit aktuellen Entwicklungen haben sich jedoch Argumentationsfiguren durchgesetzt, die den Ideologiecharakter von Digitalisierung gegen alle Zweifel und Differenzierungen abdichten.  Digitalisierung wird als opakes, schwer durchschaubares und nur für Enthusiasten verständliches Geschehen kultiviert, als externe Kraft, die gleich einer Naturgewalt auf Organisationen zurollt.

Zweifler des revolutionären Wandels werden in unterschiedlichen Formen disqualifiziert: Mal verweist man auf inhaltliche Inkompetenz oder auf mangelnden Mut und Vorstellungsvermögen. Die rasante technische Entwicklung spielt dabei dem Vorwurf der inhaltlichen Inkompetenz in die Hände und erleichtert durch enthusiastische Sprünge zu immer neuen Anwendungen eine Herabsetzung. Eine genauere Betrachtung dessen, was Digitalisierung kann, will und bewirkt, wird so unterbunden.

Was gilt es zu tun? Als allererstes: Ziehen Sie sich warm an! Denn Versuche, die am Topos der Digitalisierung als revolutionäre Naturgewalt für Unternehmen kratzen und darauf bestehen, Digitalisierung differenziert zu betrachten, werden als Provokation aufgefasst. Zum zweiten gilt es, die Debatte weiterzuentwickeln: Digitalisierung muss als opakes Geschehen entpackt werden.

Ja, Digitalisierung erzeugt neue Wirklichkeiten: Angefangen von der Ausdifferenzierung neuer Stellen wie jener des Chief Digital Officers bis zur Entwicklung neuer digitaler Produkte. Aber diese neuen organisationalen Wirklichkeiten revolutionieren nicht automatisch die Organisationen. Auch Chief Digital Officers verfolgen eigene Logiken und Agenden, wie wir sie seit langem von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, Buchhaltung oder Marketing kennen.

Auch neue digitale Produkte sind Produkte. Selbst wenn sie sich zu neuen Geschäftsfeldern auswachsen, haben wir es mit Geschäftsfeldern zu tun. Es braucht deshalb Gestaltungsansätze, die den Ideologiecharakter von Digitalisierung nicht pflegen, sondern sich an den konkreten Herausforderungen der Organisationen orientieren.
Wie bei jeder intendierten Veränderung werden nicht-intendierte Effekte miterzeugt. Die Digitalisierung von Geschäftsprozessen beispielsweise steigert nicht nur die Effizienz, sondern auch die Nachweisbarkeit von Fehlern und generiert neue Abstimmungsnotwendigkeiten dort, wo Daten interpretiert werden müssen. Es entstehen neue mikropolitische Arenen – mit Reibungsverlusten bei der Aushandlung darf gerechnet werden. Ideologiefreie Digitalisierungsstrategien fragen daher nicht nur danach, was
Technik kann, sondern in erster Linie danach, was die Organisation tatsächlich braucht und verkraften kann.

 


 

Der hier veröffentlichte Text ist eine Kurz-Fassung des eben in der “Zeitschrift für Organisationsentwicklung” (Nr. 04/2017) erschienenen Artikels von Stefanie Büchner (Soziologin an der Uni Bielefeld) und  Judith Muster (Soziologin an der Uni Potsdam und Senior Consultant bei Metaplan).

Als Abonnent der ZOE ist der komplette Text zugänglich unter:

https://zoe-online.owlit.de/document.aspx?docid=ZOE1251169

 

Dem Metaplan-Professional Dirk Bathen danken wir für die Überlassung seiner “Verdunkelung” eines VERSUS-Textes!

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