Kollaboration in Zeiten der Digitalisierung

Copyright Armin Chodzinski 2017

 

Warum Zusammenarbeit viel mehr ist als der Austausch von Information

Gegenwärtig ist viel die Rede davon, man müsse auf autonome Teams setzen statt auf starre Direktiven von oben. In den Chor derer, die sich ins gelobte Land der agilen Organisation aufmachen wollen, mischen sich aber die Stimmen derer, die mit viel Energie aufbrachen, nie ans Ziel kamen und die Unternehmung schließlich aufgaben.

Christoph Keese hat für 6 Monate im Silicon Valley gelebt und beschreibt Überraschendes: „Erwartet hatte ich … eine hypervirtuelle Welt: Heimarbeit, ständige Videokonferenzen und elektronischen Zugang zu jedermann. Doch virtuelle Welten sind out. Sie sind nirgendwo so unbeliebt wie bei ihren eigenen Erfindern.“ (Keese 2014: 44). Stattdessen setzt man auf face-to-face-Kommunikation: Gründer, Ideengeber, Programmierer, alle auf engstem Raum versammelt, in ständigen Austausch und jederzeit in der Lage, wahrzunehmen was der andere tut. Man ist überzeugt, so in kürzester Zeit beste Ergebnisse erzielen zu können: „Es sind superdichte Netzwerke auf engstem Raum. Nur unter solchen Bedingungen entstehen starke Ideen. Kreativität braucht Nähe“ (Matthew Le Merle), „Wir brauchen Dichte … Programmierer müssen sich Informationen auf kurze Distanz zumurmeln können, sonst kommen sie nicht weiter.“ (Akshay Kothari; jeweils zit. nach Keese 2014: 39). Natürlich nutzt man gerade im Silicon Valley alle digitalen Möglichkeiten. Aber gleichzeitig ist man der Ansicht, für Neues brauche es mehr als jede Information jederzeit verfügbar zu haben.
Man tut gut daran, die Bereitstellung und den Austausch von Informationen nicht zu verwechseln mit Kollaboration – auch wenn z.B. die Bezeichnung „Kollaborationssoftware“ dieser Verwechslung Vorschub leistet. Bei Wikipedia heißt es: „Kollaborationssoftware und Soziale Software ermöglicht Menschen, über Computernetze verteilt, an einem Projekt zusammenzuarbeiten bzw. in einer Gruppe zu kommunizieren und diese zu verwalten.“ Genau dies aber ist ein verhängnisvoller Irrtum: Kollaboration ist mehr als reiner Informationsaustausch!

Verständigung braucht gelingende Kommunikation

Dank der Digitalisierung lassen sich in Organisationen in Echtzeit immer mehr Informationen für immer mehr Akteure ohne relevante Erhöhung von Kosten und Aufwand bereitstellen. Das Problem ist: Mehr Information schafft leider nicht mehr Sicherheit darüber, dass alle Nutzer der Informationen diese in gleicher Weise verstehen und anwenden. Überall dort, wo es auf dieses gemeinsame Verständnis ankommt, braucht es einen intensiveren Austausch zwischen den Beteiligten, braucht es Kommunikation als Kern von Zusammenarbeit: Kollaboration als gelingender Kommunikationsprozess.

Mehr Information schafft leider nicht mehr Sicherheit darüber, dass alle Nutzer der Informationen diese in gleicher Weise verstehen und anwenden.

Das heißt: Man muss Kommunikations-Formen schaffen, die der Verständigung darüber dienen, wie man Informationen versteht und welche gemeinsamen Schlussfolgerungen man daraus zieht. In vielerlei Hinsicht sind face-to-face-Begegnungen bis heute die wirksamste Form einer solchen Zusammenarbeit. Wo man nicht permanente Nähe durch gemeinsames Arbeiten vieler an nur einem Schreibtisch schaffen will oder wo dies auch einfach nicht zu den Aufgaben und Prozessen der Organisation passt, wird man klugerweise auf regelmäßige Meetings und Workshops setzen. Allerdings sollte man keine Zeit mit der Verteilung von Information vergeuden. Vielmehr sollte es darum gehen, gemeinsam über Lösungen für offene Fragen nachzudenken. Wo dies so geschieht, dass jeder Sprecher auch Hörer ist, also jeder, der etwas beiträgt auch das anhört und aufnimmt, was andere beitragen – steigt die Chance enorm, Missverständnisse aufzudecken, Unklarheiten zu identifizieren und zu neuen, auch überraschenden Lösungsansätzen zu kommen.

Foren der Zusammenarbeit schaffen – auch digital

Die besten Ideen entstehen in einem Prozess, in dem der eine den Gedanken des anderen aufnimmt, direkt auf ihn reagiert, ihn weiterdenkt und ihm dadurch eine neue, überraschende Wendung gibt. Und neue Ideen können so schon vor einer möglicherweise langwierigen und teuren Umsetzung auf zusätzliche Chancen, aber auch Schwächen und Risiken hin geprüft werden – was möglicherweise Schmerz auslöst bei denen, deren Ideen im Diskurs nicht bestehen, der Organisation aber viel Geld und Zeit sparen kann.
Und was heißt das für Organisationen deren Mitarbeiterinnen überall auf der Welt verteilt sind und die durch die Arbeitsteilung dazu gezwungen sind, von verschiedenen Standorten aus den Austausch mit Kollegen zu suchen?
Die Frage kann nicht sein: Wie bringen wir unsere Mitarbeiter möglichst oft in einen Raum zusammen? Sondern: Wie schaffen wir Foren der Zusammenarbeit, in denen man etwas gemeinsam entwickelt? Es geht um die Suche Formen – und sie wird nicht auskommen ohne Experimente und heiteres Scheitern! – des digital gestützten Diskurses, die nicht nur Senden und Informationstransport ermöglichen, sondern vor allem darauf gerichtet sind, nachfragen, zuhören und in Echtzeit Gedanken des/der anderen aufnehmen und weiterspinnen zu können. Wer digital gestützt von unterschiedlichen Orten aus mit anderen gemeinsam an etwas arbeitet, dem wird es z.B. wenig helfen, sich und den anderen per Videokonferenz beim Sprechen zusehen zu können. Hilfreich ist es vielmehr, per Webkonferenz die Aufmerksamkeit gemeinsam auf ein Dokument, eine Skizze oder die Visualisierung des Gesprächs ausrichten zu können. So kann man in Echtzeit die Entstehung und Weiterentwicklung eines Gedankens oder einer Idee verfolgen, kommentieren und mitgestalten. Das mag dann auf technisch ganz andere Weise geschehen und im Detail anderen Regeln folgen als in einem intensiven Workshop – aber es dient dem, wofür es uns als Akteure braucht: kreativer Zusammenarbeit. Die Bereitstellung und den Austausch von Informationen können dann gern die Maschinen übernehmen.

 

Autoren


Dr. Kai Matthiesen

ist geschäftsführender Partner bei Metaplan und Lehrbeauftragter der Universität St. Gallen.

Jens Kapitzky

ist Senior Consultant bei Metaplan und mitverantwortlich für die Metaplan Academy.

 

Metaplan dankt dem Künstler Armin Chodzinski für die Überlassung einer seiner Arbeiten als Illustration des Beitrags.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.