Am Anfang steht das Wort, das Bild kommt später

Visualisierung ist ein höchst wirksames Werkzeug zur Verständigung. Nur die wenigsten machen sich aber ein Bild davon, wie diese wirklich aussehen muss.

Heerscharen von Kognitionsforschern, Managementratgebern, Trainern und Personalentwicklern können sich nicht irren: Wollen sie eine Botschaft überzeugend vermitteln, greifen sie zur Visualisierung. Viele aber reduzieren sie auf den bloßen Einsatz von Bildern und bevölkern ihre PowerPoint-Präsentationen und Flip-Charts mit putzigen kugelköpfigen Männchen. Management-Plattitüden werden durch allegorische Darstellungen in der Tradition des Manierismus illustriert, Geschäftsprozesse durch kubistisch anmutende Gebilde.

Visualisierung verkommt damit zum reinen Ornament. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die eigentlichen Inhalte lediglich auf der Tonspur vermittelt werden. Gemäß dem Motto „Zeige irgendetwas und rede über etwas ganz anderes“ lassen sie das Publikum am Ende ratlos zurück. Gerade weil ein Bild mehr sagt als tausend Worte, fragen sich dann alle, was dieses Bild denn nun eigentlich sagen will. Dabei liegt das Ziel guter Visualisierung darin, Aussagen prägnant darzustellen und Interaktionen zu stimulieren.

Gute Visualisierung ist nicht nur ein Endprodukt, sondern auch eine Vorgehensweise. Im Idealfall bildet sie sprachlich schwer Formulierbares in visueller Form ab und bedient sich gleichzeitig der Präzision und Eindeutigkeit sprachlicher Mittel. Mit anderen Worten: Sie nutzt die wohldurchdachte Kombination von Text und bildlicher Darstellung. Sie platziert Aussagen in Bezug zueinander. Damit wird sie zu einem Denkwerkzeug, das schon in der Vorbereitung dazu zwingt, die Kerngedanken eines Vortrages sauber auszuformulieren, zu ordnen und im Hinblick auf die Zielgruppe zu strukturieren und aufzubereiten.

Gute Visualisierung heißt Maß zu halten

Für gesprächsleitende Inputs in unseren Workshops und Veranstaltungen arbeiten wir bei Metaplan deshalb konsequent mit unserem klassischen Handwerkszeug: Karte, Filzstift und Poster. Schon in der Vorbereitung erlauben es die standardisierten Visualisierungselemente, mit einer kleinen Auswahl an Formen und Farben verschiedene Inhalte auf den Punkt zu bringen und dann später die Diskussionen entlang der relevanten Inhalte zu führen. Komplexe Prozessabläufe einer Fabrik lassen sich durch Poster ebenso detailliert strukturieren wie die verschlungenen Wirkmechanismen von Medikamenten oder neue Organisationsformen eines Vertriebes.

Gute Visualisierung ist nicht nur ein Endprodukt, sondern auch eine Vorgehensweise. Im Idealfall bildet sie sprachlich schwer Formulierbares in visueller Form ab.

Ausgangspunkt dieser Arbeit sind immer einzelne Gedanken und Aussagen, die als ein kleiner Halbsatz niedergeschrieben werden. Meist lassen sich diese in 60–80 Zeichen auf den Punkt bringen – halb so viel, wie eine Twitternachricht braucht (einzelne Schlagworte hingegen sind zu wenig aussagekräftig). Die Kürze zwingt gleichzeitig zu einem analytischen Zergliedern komplexerer Gedankengänge in leichter zu verstehende Aussagen.

Drei Viertel eines thematischen Inputs für einen Workshop sollten auf diese Weise festgehalten werden. Damit lassen sich die zergliederten Gedanken ordnen, Zusammenhänge und Unterschiede sichtbar machen. Inhaltlich zusammengehörende Aussagen lassen sich clustern und optisch hervorheben, Wirkungszusammenhänge und Kausalitäten dynamisch darstellen und zentrale Aussagen hervorheben. Illustrationen sollten die Aussagen veranschaulichen, nicht aber für sich alleine stehen.

Idealerweise lässt sich solch eine Darstellung eines Sachverhaltes im Überblick verfolgen. Deshalb gilt: Das Format der Visualisierung sollte sich nicht nach den Dimensionen eines Bildschirms, sondern an jener des menschlichen Blickfeldes orientieren, wie es die Maße der klassischen Metaplantafel (130 × 140 cm) tun. Reicht eine Metaplantafel nicht aus, lassen sich mehrere Tafeln als Synopse nebeneinanderstellen.

Packpapier schlägt PowerPoint

Werden synoptische Darstellung und konsequente Verschriftlichung kombiniert, können sich die Adressaten auf diese Weise zu jedem Zeitpunkt eines Vortrages oder einer Diskussion orientieren und Einzelheiten nachvollziehen. Auf diese Weise lässt sich mehr Komplexität in den Griff kriegen und Verständigung erzielen. Aus sprach- und möglicherweise ratlosen Zuhörerinnen werden Mitwirkende, deren Reaktionen auf die visuelle Darstellung auf Postern sich jederzeit einfangen und mit denselben Mitteln dokumentieren lassen.

Die weitverbreitete Allzweckwaffe PowerPoint hingegen stößt hier schnell an ihre Grenzen, weil sich immer nur eine Seite zeigen lässt. Dies führt häufig dazu, dass die Inhalte der vorletzten Seite spätestens beim Betrachten der übernächsten vergessen sind. Andere Programme wie Prezzi versuchen das Salamiprinzip von PowerPoint durch Heran- und Herauszoomen zu durchbrechen, führen aber schon nach kurzer Anwendung beim Betrachter zu einem unangenehmen Achterbahngefühl. Darüber hinaus sind alle diese Programme nur auf Senden ausgerichtet, nicht auf eine Interaktion mit dem Publikum.

Natürlich arbeiten wir auch bei Metaplan inzwischen mit digitaler Visualisierung und nutzen Monitore wie früher die Packpapierposter. Bei großen Gruppen und Konferenzen setzen wir auf Beamer und Leinwand. Für Sondierungsgespräche gibt es heute Webkonferenzen mit paralleler Visualisierung am virtuellen Whiteboard.

Aber auch wenn wir mit digitaler Visualisierung arbeiten, halten wir an der Metaplankarte als zentralem Visualisierungselement fest, weil der Zwang zur präzisen Formulierung und die Prinzipien guter Visualisierung auch in elektronischer Form am besten im Kartenformat gewährleistet sind. Auch das klassische Packpapierposter ist noch keineswegs überholt, im Gegenteil: Die Grenzen digitaler Visualisierung werden dort sichtbar, wo Gruppen über einen längeren Zeitraum gemeinsam und miteinander ringend Themen vorandenken und entwickeln müssen. Nur wenn etwas wie ein Poster aus Papier physisch präsent und im wahrsten Sinne des Wortes greifbar und anfassbar ist, kann es von allen begriffen und bearbeitet werden. Nur wenn es auf den menschlichen Wahrnehmungs- und Aktionsradius zugeschnitten ist, wird ein Qualitätssprung in der Interaktion möglich. Etwas Besseres als eine gut gemachte Visualisierung im Posterformat ist dafür noch nicht erfunden worden.

 

Autor


FRANK IBOLD

ist Senior Consultant bei Metaplan und berät zu Strategie- und Organisationsprozessen.

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